Dienstag, 12. Juli 2011
Brass und Böller
chg, 21:06h
Draußen spielt eine Brassband auf
und drinnen singt Sylvia „California Dreamin'“ unter der Dusche. Werten wir den Gesang als Versuch und als Zeichen guter Laune bei ihrer fast überwundenen Sinusitis.
Wir sind in Cusco, dem kulturellen und spirituellen Zentrum Perus. Es ist recht kühl auf 3400m.
Sylvia hat aufgehört zu singen, dass Wasser scheint jetzt warm zu sein.
Morgens gegen 7.30 Uhr werden wir regelmäßig von kurzen, harten, infernalen Explosionen direkt über unserem Hostel geweckt.
Die Druckwellen lassen bei den Autos in der näheren Umgebung, sofern nicht VW Käfer oder T2, also allen neuen, die Alarmanlagen losgehen. Sollen doch alle 400.000 Einwohner des Tales den Beginn der täglichen Festivitäten erfahren.
Es ist wahrscheinlich unsere etwas erhöhte Lage, die unseren kleinen Stadtteil San Blas so attraktiv für den Raketenmann macht.
Dieser sehr stramm durchgezogene, kurze Aufschrei ist auf jeden Fall der Auftakt für alle möglichen Brassbands in der Stadt loszulegen.
Nach mittlerweile zweieinhalb Wochen können wir sogar weiterschlafen.
Was Sylvia bei solchen Klängen im Zweifel immer besser gelingt als mir, bin ich doch in meiner Kindheit mit dem Plätschern eines Baches hinter dem Haus eingeschlafen und nicht mit S-Bahnlärm und Fehlzündungen. Das muß schrecklich gewesen sein. Dafür ist sie eher bei Tiergeräuschen und deren Zuordnung verwirrt.
Direkt unter unserem Haus spielt jetzt im heutigen kalten Dauerregen eine zusammengewürfelte Truppe aus ca. 8 Leuten. Eine Pauke, der Rest Bläser. Die Instrumente waren mal neu. Das Regenwasser rinnt von den schwarzen Cowboyhüten und die mariacchiartige Uniform ist durch Kunststoffumhänge aller Art geschützt. Ich habe keine Ahnung wie man um diese Uhrzeit bei dem Wetter so einen Sound machen kann, bin aber schwer beeindruckt.
Whom!
Da schallt es durch die alten Gassen über das Kopfsteinpflaster. Soviel Verve und Vibe!
Dr. John hätte seine wahre Freude, oder sind hier doch mehr Balkaneinfüsse?
Im Vergleich zur albaxer Blaskapelle – mancher Leser wird jetzt einen tiefen Atemzug machen – haben diese Männer hier viel mehr Stolz, Gefühl und Ausdruck im Spiel. Preussisches findet man nur in Ansätzen. Die Leidenschaft für die Musik ist sicherlich ähnlich, der Alkoholpegel je nach Uhrzeit auch, der Cocaspiegel – so nehme ich an – ist höher.
Vielleicht muss man auch erst 40 Jahre Mitglied sein, um dieses Niveau zu erreichen.
Der blecherne, automatisch zum mitwippen anregende Wahnsinn wird durch den Raketenmann in willkürlichen Abständen unterstrichen. Eine ausgezeichnete Session. Nach einer Weile zieht die Kapelle weiter.
Die Menschen in Cusco feiern seit Wochen. Auf dem Hauptplatz der Stadt, dem Plaza de Armas, acht Gehminuten von unserem Hostal entfernt, waren wir ca. eine Stunde Zuschauer eines großen Umzuges, konnten die Folksgruppen 103-114 bewundern, alle ihr Dorf oder Region um Cusco vertretend und dementsprechend in traditionelle Kleider geschmückt.
Wir sahen alte Frauen und Männer vorübertanzen, Kinder, ganze Familien, angereist, auf den Straßen und Plätzen feiernd, Bier, Essen, selbstgebrautes verkaufend, in Gruppen lagernd und mittendrin die Touristen, die in dieser wunderbaren Stadt mit den alten Kathedralen, alten zweistöckigen Kolonialgebäuden, die Straßen säumend und teilweise auf alten Incaruinen ruhend, einfach mitgerissen wurden.
Dem Getümmel über die Gassen und Plazas folgend, kamen wir an den Sammelpunkt der Gruppen. Wir konnten Numerierungen bis zur Zahl 220 ausmachen!
Den ganzen Tag wurde schon gefeiert. Wir hatten im frühen Abend eine Stunde zugeschaut und nur einen kleinen Ausschnitt dieser Festivitäten gesehen. Allein die Vorstellung, dass heute noch weitere 100 Gruppen auftreten sollten, war unglaublich.
Die Euphorie war schwer zu fassen. Überall wehten Regenbogenflaggen, keine einzige Nationalflagge. Die Menschenmengen hier in diese Stadt zu bewegen, war eine logistische Herausforderung. Wenn ich mir dabei die Anfahrt in den lokalen Bussen über Tage, und davon haben Sylvia und ich ein genaues Bild, vorstelle, kann ich nur meinen Hut ziehen. Wieviel Leidenschaft, um an diesem Fest teilzunehmen und wieviel Aufwand bei doch so wenig marteriellem Vermögen!
Die kleinen Dörfer und Liegenschaften, die wir auf unserer Reise hier in den Anden gesehen haben, waren meist sehr karg. Ein kleiner Friedhof abseits des Ortseingangs, nichts buntes, farblich also gut zur Pampa passend. Esel, Llama, manchmal Pferde oder sogar Autos.
Und hier tanzen sie an uns vorüber, die alten Gebrechlichen, Frauen mit Kindern auf den Rücken, die Männer ausgelassen, ihr nationales, indigenes Erbe feiernd.
Warum auch immer diese stolzen Menschen hier die „Entdeckung“ Machu Picchus durch einen Nordamerikaner vor genau 100 Jahren feiern, bleibt uns ein Rätsel.
Wir waren auf jeden Fall gerührt.
Unsere nette Nachbarin aus dem Tanteemmaladen nebenan habe ich gefragt, ob dieses Spektakel noch den ganzen Monat andauere. Sie meinte nein, nicht den ganzen Monat, das ganze Jahr!
Was soll man da noch sagen. Vielleicht besser gar nichts.
Cusco bietet durch den stark wachsenden Tourismus auch viele Annehmlichkeiten wie zum Beispiel eine exzellente, variationsreiche Küche, die beste Kneipe mit Livemusik Südamerikas und Freizeitmöglichkeiten aller Art.
Sylvia und ich belegten einen Kletterkurs und waren Bouldern (klettern üben) in Incaruinen. Wir waren auch bis 4800 m im Schnee auf einem Mehrtagestrek im Gebirge. Ihr Kommentar: „Das ist das schönste, was ich bisher gesehen habe“ sollte der Beschreibung genüge sein.
Überhaupt habe ich bisher keinen Trek, keine Tour beschrieben, die wir gemacht haben. Die Erlebnisse in der Natur auf diesem Kontinent zu beschreiben sind mir oft auch zu gewaltig und privat. Es ist schade wie wenig Zeit wir uns dafür in unserem Alltag in Deutschland lassen. Wir hetzen die meiste Zeit Dingen hinterher, die letztendlich nicht einmal erstrebenswert sind.
Genug Pathos.
Wir sind in knapp drei Wochen in der Heimat. Ich bin gespannt wo wir unser Zuhause finden.
Vielleicht folgen noch ein oder zwei Einträge...






und drinnen singt Sylvia „California Dreamin'“ unter der Dusche. Werten wir den Gesang als Versuch und als Zeichen guter Laune bei ihrer fast überwundenen Sinusitis.
Wir sind in Cusco, dem kulturellen und spirituellen Zentrum Perus. Es ist recht kühl auf 3400m.
Sylvia hat aufgehört zu singen, dass Wasser scheint jetzt warm zu sein.
Morgens gegen 7.30 Uhr werden wir regelmäßig von kurzen, harten, infernalen Explosionen direkt über unserem Hostel geweckt.
Die Druckwellen lassen bei den Autos in der näheren Umgebung, sofern nicht VW Käfer oder T2, also allen neuen, die Alarmanlagen losgehen. Sollen doch alle 400.000 Einwohner des Tales den Beginn der täglichen Festivitäten erfahren.
Es ist wahrscheinlich unsere etwas erhöhte Lage, die unseren kleinen Stadtteil San Blas so attraktiv für den Raketenmann macht.
Dieser sehr stramm durchgezogene, kurze Aufschrei ist auf jeden Fall der Auftakt für alle möglichen Brassbands in der Stadt loszulegen.
Nach mittlerweile zweieinhalb Wochen können wir sogar weiterschlafen.
Was Sylvia bei solchen Klängen im Zweifel immer besser gelingt als mir, bin ich doch in meiner Kindheit mit dem Plätschern eines Baches hinter dem Haus eingeschlafen und nicht mit S-Bahnlärm und Fehlzündungen. Das muß schrecklich gewesen sein. Dafür ist sie eher bei Tiergeräuschen und deren Zuordnung verwirrt.
Direkt unter unserem Haus spielt jetzt im heutigen kalten Dauerregen eine zusammengewürfelte Truppe aus ca. 8 Leuten. Eine Pauke, der Rest Bläser. Die Instrumente waren mal neu. Das Regenwasser rinnt von den schwarzen Cowboyhüten und die mariacchiartige Uniform ist durch Kunststoffumhänge aller Art geschützt. Ich habe keine Ahnung wie man um diese Uhrzeit bei dem Wetter so einen Sound machen kann, bin aber schwer beeindruckt.
Whom!
Da schallt es durch die alten Gassen über das Kopfsteinpflaster. Soviel Verve und Vibe!
Dr. John hätte seine wahre Freude, oder sind hier doch mehr Balkaneinfüsse?
Im Vergleich zur albaxer Blaskapelle – mancher Leser wird jetzt einen tiefen Atemzug machen – haben diese Männer hier viel mehr Stolz, Gefühl und Ausdruck im Spiel. Preussisches findet man nur in Ansätzen. Die Leidenschaft für die Musik ist sicherlich ähnlich, der Alkoholpegel je nach Uhrzeit auch, der Cocaspiegel – so nehme ich an – ist höher.
Vielleicht muss man auch erst 40 Jahre Mitglied sein, um dieses Niveau zu erreichen.
Der blecherne, automatisch zum mitwippen anregende Wahnsinn wird durch den Raketenmann in willkürlichen Abständen unterstrichen. Eine ausgezeichnete Session. Nach einer Weile zieht die Kapelle weiter.
Die Menschen in Cusco feiern seit Wochen. Auf dem Hauptplatz der Stadt, dem Plaza de Armas, acht Gehminuten von unserem Hostal entfernt, waren wir ca. eine Stunde Zuschauer eines großen Umzuges, konnten die Folksgruppen 103-114 bewundern, alle ihr Dorf oder Region um Cusco vertretend und dementsprechend in traditionelle Kleider geschmückt.
Wir sahen alte Frauen und Männer vorübertanzen, Kinder, ganze Familien, angereist, auf den Straßen und Plätzen feiernd, Bier, Essen, selbstgebrautes verkaufend, in Gruppen lagernd und mittendrin die Touristen, die in dieser wunderbaren Stadt mit den alten Kathedralen, alten zweistöckigen Kolonialgebäuden, die Straßen säumend und teilweise auf alten Incaruinen ruhend, einfach mitgerissen wurden.
Dem Getümmel über die Gassen und Plazas folgend, kamen wir an den Sammelpunkt der Gruppen. Wir konnten Numerierungen bis zur Zahl 220 ausmachen!
Den ganzen Tag wurde schon gefeiert. Wir hatten im frühen Abend eine Stunde zugeschaut und nur einen kleinen Ausschnitt dieser Festivitäten gesehen. Allein die Vorstellung, dass heute noch weitere 100 Gruppen auftreten sollten, war unglaublich.
Die Euphorie war schwer zu fassen. Überall wehten Regenbogenflaggen, keine einzige Nationalflagge. Die Menschenmengen hier in diese Stadt zu bewegen, war eine logistische Herausforderung. Wenn ich mir dabei die Anfahrt in den lokalen Bussen über Tage, und davon haben Sylvia und ich ein genaues Bild, vorstelle, kann ich nur meinen Hut ziehen. Wieviel Leidenschaft, um an diesem Fest teilzunehmen und wieviel Aufwand bei doch so wenig marteriellem Vermögen!
Die kleinen Dörfer und Liegenschaften, die wir auf unserer Reise hier in den Anden gesehen haben, waren meist sehr karg. Ein kleiner Friedhof abseits des Ortseingangs, nichts buntes, farblich also gut zur Pampa passend. Esel, Llama, manchmal Pferde oder sogar Autos.
Und hier tanzen sie an uns vorüber, die alten Gebrechlichen, Frauen mit Kindern auf den Rücken, die Männer ausgelassen, ihr nationales, indigenes Erbe feiernd.
Warum auch immer diese stolzen Menschen hier die „Entdeckung“ Machu Picchus durch einen Nordamerikaner vor genau 100 Jahren feiern, bleibt uns ein Rätsel.
Wir waren auf jeden Fall gerührt.
Unsere nette Nachbarin aus dem Tanteemmaladen nebenan habe ich gefragt, ob dieses Spektakel noch den ganzen Monat andauere. Sie meinte nein, nicht den ganzen Monat, das ganze Jahr!
Was soll man da noch sagen. Vielleicht besser gar nichts.
Cusco bietet durch den stark wachsenden Tourismus auch viele Annehmlichkeiten wie zum Beispiel eine exzellente, variationsreiche Küche, die beste Kneipe mit Livemusik Südamerikas und Freizeitmöglichkeiten aller Art.
Sylvia und ich belegten einen Kletterkurs und waren Bouldern (klettern üben) in Incaruinen. Wir waren auch bis 4800 m im Schnee auf einem Mehrtagestrek im Gebirge. Ihr Kommentar: „Das ist das schönste, was ich bisher gesehen habe“ sollte der Beschreibung genüge sein.
Überhaupt habe ich bisher keinen Trek, keine Tour beschrieben, die wir gemacht haben. Die Erlebnisse in der Natur auf diesem Kontinent zu beschreiben sind mir oft auch zu gewaltig und privat. Es ist schade wie wenig Zeit wir uns dafür in unserem Alltag in Deutschland lassen. Wir hetzen die meiste Zeit Dingen hinterher, die letztendlich nicht einmal erstrebenswert sind.
Genug Pathos.
Wir sind in knapp drei Wochen in der Heimat. Ich bin gespannt wo wir unser Zuhause finden.
Vielleicht folgen noch ein oder zwei Einträge...






... link (2 Kommentare) ... comment
Freitag, 10. Juni 2011
Three feet high and risin'
chg, 20:47h
Vielleicht hat Johnny Cash ähnlich gefühlt, als er dieses Lied mit Erinnerungen an seine Kindheit gesungen hat. Nun, es ist nicht der Mississippi, aber ich denke diese Gegend, der Beginn des großen Rio Amazonas, steht dem im nichts nach.
Wir sind von Yurimaguas den Rio Huallaga runter, hinter Lagunas dann den Rio Marañón, der sich hinter Nauta mit dem Rio Ucayali zum Amazonas vereinigt.
Der dritte Tag bricht an auf der Eduardo 6. Dieses 3-4 Kuhlängen breite und rund 70 Schritte lange Schiff bietet einigen Komfort. Auf dem Rumpf einer Barkasse sind zwei Decks aufgeschweisst worden. Der landungsbootähnliche vordere Kiel ermöglicht es dem Kapitän an jeder erdenklichen Stelle Waren, Tiere und Menschen laden zu lassen. Erstere bleiben unter Deck, Menschen und Kleingüter, je nach Finanzkraft, im ersten oder zweiten Deck in Hängematten, oder wie Sylvia und ich, in Kabinen.
Während der Fahrt nähern sich rund um die Uhr kleinere Boote, der Kaptitän drosselt die Geschwindigkeit, Menschen gehen an Bord, von Bord, Bananen werden zugeladen, Schweine, Kühe sind an Bord. Bretter und Bohlen, Stahlrohre, auf dem Vorschiff gute 12m³ Salz in Säcken, Palmenherzen, landwirtschaftliche Produkte, die ich einfach nicht kenne, Mopeds, Fahrräder, kistenweise Bier und immer wieder Bananen.
Rund 300 Menschen tummeln sich auf den Oberdecks. Ganze Familien und Hausstände. Kinder aller Altersklassen die umherlaufen, mit mitgebrachten Kunststoffspielzeug spielen und so fast ohne Aufsicht der Eltern wirklich nah an der Reling sind. Schwimmwesten scheinen für jeden vorhanden.
Drei Mal am Tag gibt es eine eintönige gute Mahlzeit. Man stellt sich einfach mit einer mitgebrachten Kunststoffschuessel und einem Loeffel in die Schlange Menschen und wartet bis einem ein freundlicher Mann mit weissem Hut das Essen liebevoll im Napf anrichtet.
Das Schiff ist in einem guten Zustand, sieht man vom äußeren Eindruck eines Baufahrzeuges einmal ab. Roststellen sehe ich nur wenige, die Klos sind Schiffstoiletten (mit fliessend Wasser!) mit aus Wassertanks gespeister Duschmöglichkeit. 2-3 Mal am Tag werden die Sanitäreinrichtungen samt Wände geschrubbt.
So zuckeln wir dahin. Je nach Bewölkung ist es sehr schwül und heiß, oder wie heute durchaus mit langer Hose und T-Shirt angenehm.
Mittlerweile verliere ich auf diesem breiten Fluß den Überblick über Fahrwasser, großen Inseln und kleinen Inseln und tatsächlicher Uferböschung.
Ich kann nicht sagen, dass ich froh war heute einen Gleichgesinnten getroffen zu haben, als der Kaptiän ein Beiboot zum Tiefe ausloten geschickt hat, war aber über diese Umsicht erfreut.
Heute Nacht sind einige Leute mit Schwimmwesten schlafen gegangen, sie meinten wir hätten zuviel zugeladen und waren teilweise panisch. Der Kaptitän gab auf Nachfragen die erhoffte knappe Antwort: “Alles Verrückte“ und meine aufkommenden Bedenken waren vom Tisch gewischt.
Für Sylvia sind solche ruhigen Flußfahrten nichts; trotz einiger Zerstreuungsmöglichkeiten.
Ich dagegen kann auch sehr lange einfach nur geradeaus aufs Treibholz oder die Uferböschung schauen, oder auf das braune Wasser, in dem man immerhin ab und an Delfine sieht!
Nun denn. Wer will schon streiten.
In zwei bis drei Stunden werden wir die größte Stadt der Welt ohne Zufahrtsstraßen erreichen, Iquitos.






Wir sind von Yurimaguas den Rio Huallaga runter, hinter Lagunas dann den Rio Marañón, der sich hinter Nauta mit dem Rio Ucayali zum Amazonas vereinigt.
Der dritte Tag bricht an auf der Eduardo 6. Dieses 3-4 Kuhlängen breite und rund 70 Schritte lange Schiff bietet einigen Komfort. Auf dem Rumpf einer Barkasse sind zwei Decks aufgeschweisst worden. Der landungsbootähnliche vordere Kiel ermöglicht es dem Kapitän an jeder erdenklichen Stelle Waren, Tiere und Menschen laden zu lassen. Erstere bleiben unter Deck, Menschen und Kleingüter, je nach Finanzkraft, im ersten oder zweiten Deck in Hängematten, oder wie Sylvia und ich, in Kabinen.
Während der Fahrt nähern sich rund um die Uhr kleinere Boote, der Kaptitän drosselt die Geschwindigkeit, Menschen gehen an Bord, von Bord, Bananen werden zugeladen, Schweine, Kühe sind an Bord. Bretter und Bohlen, Stahlrohre, auf dem Vorschiff gute 12m³ Salz in Säcken, Palmenherzen, landwirtschaftliche Produkte, die ich einfach nicht kenne, Mopeds, Fahrräder, kistenweise Bier und immer wieder Bananen.
Rund 300 Menschen tummeln sich auf den Oberdecks. Ganze Familien und Hausstände. Kinder aller Altersklassen die umherlaufen, mit mitgebrachten Kunststoffspielzeug spielen und so fast ohne Aufsicht der Eltern wirklich nah an der Reling sind. Schwimmwesten scheinen für jeden vorhanden.
Drei Mal am Tag gibt es eine eintönige gute Mahlzeit. Man stellt sich einfach mit einer mitgebrachten Kunststoffschuessel und einem Loeffel in die Schlange Menschen und wartet bis einem ein freundlicher Mann mit weissem Hut das Essen liebevoll im Napf anrichtet.
Das Schiff ist in einem guten Zustand, sieht man vom äußeren Eindruck eines Baufahrzeuges einmal ab. Roststellen sehe ich nur wenige, die Klos sind Schiffstoiletten (mit fliessend Wasser!) mit aus Wassertanks gespeister Duschmöglichkeit. 2-3 Mal am Tag werden die Sanitäreinrichtungen samt Wände geschrubbt.
So zuckeln wir dahin. Je nach Bewölkung ist es sehr schwül und heiß, oder wie heute durchaus mit langer Hose und T-Shirt angenehm.
Mittlerweile verliere ich auf diesem breiten Fluß den Überblick über Fahrwasser, großen Inseln und kleinen Inseln und tatsächlicher Uferböschung.
Ich kann nicht sagen, dass ich froh war heute einen Gleichgesinnten getroffen zu haben, als der Kaptiän ein Beiboot zum Tiefe ausloten geschickt hat, war aber über diese Umsicht erfreut.
Heute Nacht sind einige Leute mit Schwimmwesten schlafen gegangen, sie meinten wir hätten zuviel zugeladen und waren teilweise panisch. Der Kaptitän gab auf Nachfragen die erhoffte knappe Antwort: “Alles Verrückte“ und meine aufkommenden Bedenken waren vom Tisch gewischt.
Für Sylvia sind solche ruhigen Flußfahrten nichts; trotz einiger Zerstreuungsmöglichkeiten.
Ich dagegen kann auch sehr lange einfach nur geradeaus aufs Treibholz oder die Uferböschung schauen, oder auf das braune Wasser, in dem man immerhin ab und an Delfine sieht!
Nun denn. Wer will schon streiten.
In zwei bis drei Stunden werden wir die größte Stadt der Welt ohne Zufahrtsstraßen erreichen, Iquitos.






... link (2 Kommentare) ... comment